Hard-Earned Cigarettes

Vorwort

Das Jahr 2007: Anfang eines neuen Lebensabschnittes, der Beginn einer großen Liebe und der ewige Zusammenschluss zweier Brüder der Künste, die sich zwar oft verlieren, aber immer wieder zusammen finden. Ich denke gerne oft zurück an die besonderen Tage dieses Jahres, denn es war das Jahr der Entdeckungen, der Erfüllungen und des Erfolges.
Ein Grund für die Qualität dieses Jahres war mitunter der Verbund von Billy und mir als Duo mit dem Namen Divergenz. Aktuell leider nur in der Theorie, ist Divergenz ein ambitioniertes Projekt gewesen.

Der Begriff Divergenz wird wie folgt erklärt: Divergenz (f., lat. divergere: auseinander streben) bezeichnet allgemein die Auseinanderentwicklung zweier Objekte, Größen oder Prozesse ausgehend von einem Ursprung.

Dieser Fakt, von einem Ursprung in zwei Richtungen zu streben, war unser Ziel. Genauer gesagt, dass aus einem Foto zwei Montagen entstehen können. Aufbauend auf diesem Gedanken, entstand schließlich das Projekt “Sunray Despised”. Doch bevor wir dieses Projekt mehr oder weniger vollendeten, war es ein langer Weg, den wir zu gehen hatten.

Der lange Weg

Bevor überhaupt die Idee “Sunray Despised” oder gar Divergenz entstanden ist, war ich in einer kleineren “Schaffenskrise”. Vom Fehlen jeglicher Inspiration für neue Werke angetrieben, fuhr ich durch den Rhein-Erft-Kreis, auf der Suche nach Ideen und neuen Gedanken. Auf meiner Entdeckungstour stieß ich schließlich an einen Ort, ganz in meiner Nähe. Verwundert davon, dass dieses Areal bisher von mir nicht entdeckt wurde, obwohl es eine unübersehbare Größe besaß, setzte ich meinen ersten Schritt auf das Gelände. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um die nahezu unangetasteten Ruinen eines Keramikfabrik der Firma Cremer & Breuer. Natürlich nagte schon seit längerem der Zahn der Zeit an den Gemäuern und schon andere Gesellen, mit einer weniger friedlichen Absicht wie meiner, besuchten diesen Ort, um ihrem Freigeist, in Form von Vandalismus, auszudrücken.

Ohne jedoch von diesen Dingen zu wissen, stand ich vor einem Gebäude, welches eine gewisse Ausstrahlung besaß. Ich dachte lange nach, ob ich dieses Gebäude überhaupt betreten sollte, da ich eine gewisse Ehrfurcht vor der Fabrik hatte und ich mir unsicher war, was mit mir geschehen könnte, wenn ich alleine in die Tiefen dieser Ruine verschwand. Aber in mir pochte die Abenteuerlust und ich hatte das Gefühl, dass diese, scheinbar brüchige, Ruine, etwas in mir auslösen, gar verändern könnte. Somit sammelte ich meinen ganzen Mut und ließ mich mit einem Hauch jugendlichen Leichtsinn leiten, um in die leeren Hallen der Fabrik zu treten.

Mit großen Schritten über das holprige Gelände, näherte ich mich dem großen Fabrikgebäude. Als ich schließlich vor dem Eingang stand, überlegte ich  genau, was ich vor hatte und ob ich doch nicht zu meinem Wagen zurückkehren sollte. Doch der Wunsch, etwas zu entdecken, war so groß, dass ich einmal tief Luft holte und schließlich durch eine Tür Schritt, um prompt in der Dunkelheit zu verschwinden. Nun befand ich mich zwar im Gebäude, wusste nur nicht wohin, da alles stockduster war. Ich versuchte mich zu irgendwie zurechtzufinden und entdeckte nach einer kurzen Weile ein leichtes Schimmern an der Decke des Raumes, in dem ich mich befand. Ich tastete mich zu einem Geländer und stieg eine Treppe hinauf, raus aus dem Schwarz der Finsternis. Geblendet durch das grelle Licht der Sonne, in welche ich zunächst blickte, brauchte ich einen Moment, um mich zu orientieren. Nach einigen Sekunden der Orientierungslosigkeit wurde ich erneut geblendet. Diesmal nicht von irgendeinem Licht, sondern von der atemberaubenden Atmosphäre, die sich vor mir aufbaute. Ich blickte tief in eine Fabrikhalle und entdeckte so viele kleine Dinge, die besonders für einen Fotografen, mehr als nur “Schrott” waren. Während ich durch die verschiedenen Räume ging, sah ich so viele mögliche Motive für etwas Besonderes, etwas, was man mit einfachen “Knipsen” nicht einfangen hätte können. Die fast pittoreske Stimmung, die diese verlassene Ruine ausstrahlte, fing mich sofort ein. Die damalige Industrie, mit seinen Arbeitern und dem Werk war so präsent. Man könnte fast behaupten, dass ich mich richtig wohl gefühlt habe. Mit jedem Schritt den ich tat, schoss ich Fotos, um so viel wie möglich von diesem Ort mitzunehmen. Mir war bewusst, dass all diese Dinge nicht von Dauer sein werden, weswegen ich diese Fabrik mit seinen Facetten wenigstens als Foto erhalten wollte, um auch andere daran teilhaben zu lassen.

Doch dann betrat ich einen Raum, der für mich später wichtig werden sollte, nämlich als eines der Hauptmotive von Sunray Despised. Es war ein Raum, welcher auf dem ersten Blick unscheinbar wirkte. Jedoch, bei genauerer Betrachtung, besaß dieser Raum eine Vielzahl an Elementen, welche visuell besonders waren. Neben der tollen Lichtstimmung, fiel einem direkt auf, dass dieser Raum eine große Variation an verschiedenen Oberflächen und Texturen anbot. Neben Mauern, gab es diverse Metalle, aber auch Keramikplatten, Holzbretter und ein, zum Teil mit Wasser überfluteten, Betonboden, zu entdecken. Aber auch die Formen, wie runde Kabeltrommeln oder das Netz aus Stahlstrebern unterm Dach waren interessant. Allgemein gingen von diesem Raum so viele Motive, so viele Blickwinkel aus, dass ich noch heute diesem Raum ein wenig nachschwärme. Als ich damals all diese Dinge erblickte, bekam ich das Gefühl, dass hier etwas Einzigartiges entstehen könnte.

Vorbereitung

Nach dieser einsamen Exkursion durch die verlassenen Hallen der Keramikfabrik, erzählte ich sofort Billy von diesem Ort. Er war sofort von dem Ort begeistert, besonders nachdem ich ihm die zahlreichen Fotos zur Schau gestellt habe.  Mit Euphorie fingen wir an, einen kreativen Verwendungszweck für dieses Gebäude zu finden, woraus letzendlich die Idee von “Divergenz” entstanden ist. Wir beide wollten, mit der Atmosphäre der Fabrik als Grundlage, szenische Fotos erstellen (sprich eine Handlung in Fotoform) und jeder sollte dann diese Bilder auf seine Art bearbeiten und verfremden.

Somit packten wir ein paar Accessoires ein, die zum Grundthema des Industriegeländes passen könnten, wie Schweißerbrillen, Sicherheitsweste, Waffenattrappen und andere Gegenstände. Ohne ein genaues Konzept zu haben, fuhren wir direkt los und betraten diesmal gemeinsam das Gebäude. Genau wie ich, wurde Billy von der industriellen Stimmung eingefangen und es sprudelten zig Ideen aus ihm heraus.

Zunächst ging es an die Outfits. Während Billy leger ein weißes T-Shirt mit Jeans auswählte und diese mit seiner neuen Schweißerbrille perfektionierte, wählte ich eine Kleidungskombi, die etwas mehr den Kampf- bzw. Überlebenskampffaktor hervorheben sollte. Ich hatte eine gepolsterte Weste mit einer dicken, schwarzen Hose und Stiefeln dabei. Natürlich entstand aus dieser Wahl der Kleidung kein “Wow-Faktor”, aber trotzdem definierten die verschiedenen Outfits unsere verschiedenen Perspektiven und Persönlichkeiten – wobei ich zugeben muss, dass wir an solche Dinge niemals gedacht hätten und eher der Zufall unser Bekleidungsausstatter war…
Bei einer Sache waren wir uns aber einig: Dreck! Ja, wir mussten uns erstmal beschmutzen, weswegen die erste halbe Stunde des Projektes damit verbracht wurde, möglichst viel Staub und Dreck am Körper “anzubringen”. Billy entschied sich für einen aufgerissenen Beutel Zement, während ich klassisch Sand und Erde vom Boden nahm, um diese über meinen Körper zu streuen. Das Ergebnis war wie erwartet – Schmutz in Perfektion!

Da unsere Outfits nun vollendet waren, wurden die Arbeiten an dem Projekt “Sunray Despised” aufgenommen. Der Spiegel vor dem Sensor der Kamera klackerte unaufhörlich, viele Motive wurden festgehalten. Zum Teil Fotos, die von der Aufnahme einwandfrei, doch nicht weiter verwertbar für das Projekt waren, aber dafür einige, die schon alleine, ohne Bearbeitung am PC, unglaublich gut aussahen.

Die Story

Die Auswahl der Motive bzw. des Inhalts, der über die Fotos widergegeben werden sollte, beschränkte sich auf eine Thematik oder eher einer Geschichte:

Als die ersten Meldungen über einen rapiden Temperaturanstieg in den nördlichen Regionen der Erde aufkamen, war die Menschheit nicht darauf vorbereitet. Über Wochen hinweg veränderte sich das Klima drastisch, gewisse Teile des Planeten zerfielen zu Asche und die Population der Erde schwand unaufhörlich. Die ersten Nationen fingen an, um Territorien zu kämpfen, die nicht so stark von der unglaublichen Hitze betroffen waren. Es verstrich kaum Zeit, als die ersten Atomsprengköpfe von Himmel fielen, wodurch die Überlebenschancen zusätzlich sanken.

Nach dem Fall der Nationen, fingen die Menschen in den Regionen, die mehr oder weniger sicher vor Hitze und Radioaktivität waren, Gruppierungen zu bilden. Sie sollten den Fortbestand der menschlichen Zivilisation sichern, jedoch isolierten sich nach einiger Zeit die Gruppen voneinander und handelten zum Teil gegen das Überleben der Menschheit.

Einzelne Personen, die sich zum einen von den Kriegen der einzelnen Fraktionen entfernen und zum anderen eine Lösung gegen die Hitze finden wollten, kapselten sich von den großen Gruppierungen ab. Jedoch war ein Überleben, besonders als Einzelgänger, so gut wie unmöglich, weswegen viele Menschen sich als kleinere Gruppen in Ruinen verschanzten, die möglichst viel Schatten boten. Dort kämpften sie ums Überleben, sei es aufgrund der Hitze oder Andere, die ihnen die kühlen Ruinen streitig machen wollten…

Aufbauend auf dieser Geschichte, wollten wir den Kontrast zwischen hell und dunkel, zwischen heiß und kalt darstellen. Uns war klar, dass die Geschichte niemals komplett durch die Fotos übermittelt hätten werden können, doch war der besagte Kontrast und die Darstellung von verschiedenen Handlungen und Szenen, die die Geschichte widerspiegeln sollte, wichtig. Wir wollten genug Freiraum für den Betrachter lassen, damit dieser vielleicht seine eigene Geschichte aus den Bildern interpretiert. Der Hauptgedanke war, dass die Außenwelt tödlich für die Protagonisten sein könnte und sie ihre Sicherheit innerhalb der Dunkelheit finden mussten. Doch sollte es innerhalb der Ruinen genauso gefährlich sein, wie die Gefahren draußen…

Die Umsetzung

Es entstanden viele einzigartige Bilder, die genau die Stimmung einfingen, die wir uns vorstellten. Nachdem die Dunkelheit eingebrochen war, packten wir unsere Sachen und verschwanden von diesem Ort, den wir bis heute nie wieder zusammen besucht haben. Jedoch waren wir uns sicher, dass das Projekt “Sunray Despised” als Divergenz großes Potential mit sich trug.

Schließlich fingen wir nach einer Weile an, die besagten Fotos mit unserer Note zu versehen. Während ich anfing, die Bilder zu bearbeiten, drängten sich leider andere Projekte in den Weg von Billy. Trotz mehrmaligen Versuchen, entschied er sich, das Projekt Sunray Despised später zu vollenden. Dies hielt mich jedoch nicht ab, unser Werk fortzuführen. Ich war und bin bis heute so stolz, dass ich es nahezu als Verpflichtung sah, den Bildern ihren letzten Feinschliff zu verleihen.

Es entstanden einige Bildern, die den selben Look haben sollten:

Eines der Bilder stand jedoch so hervor, dass es für mich bis heute etwas besonderes ist. So besonders, dass die Künstlerin Alix Emmanuel extra für mich ein Acryl-Gemälde davon angefertigt hat.

Auf genau dieses Bild möchte ich nun näher eingehen und den Herstellungsablauf erläutern.

Making of Hard-Earned Cigarettes

Das Ursprungsfoto des Bildes sah schon, ohne groß an den Kontrasten und den Lichtwerten herumgeschraubt zu haben, sehr gut aus. Jedoch wirkte es wiederum zu unspektakulär, als dass man es hätte so lassen können. Weiter kam die Stimmung, die ich in meinen Gedanken hatte, nicht ohne Fotomanipulation aus.

Somit fingt ich zunächst an, meinen alten “Trick” anzuwenden, um Sättigung zu vermindern, aber zeitgleich die Kontraste zu verstärken. Ich duplizierte die Ursprungsebene, entsättigte diese und änderte die Füllmethode auf  Ineinanderkopieren. Um noch stärkere Kontraste zu erhalten, habe ich die duplizierte Ebene, erneut dupliziert. Sicher, einige mögen mir sagen wollen, dass ich das ganze auch mit anderen Mitteln, wie Einstellungsebenen usw. hätte erreichen können, aber ein guter Koch, kocht anders als die anderen Köche!

Jetzt ist es schön dunkel geworden, jedoch ebenfalls die Gesichter von Billy und mir. Um dem entgegen zu wirken, habe ich einfach die oberste Ebene angewählt und die Mitteltöne dieser Ebene mit dem Abwedler ein wenig aufgehellt.

Um den Kontrast zwischen hell und dunkel und besonders zwischen warm und kalt zu verstärken, erstellte ich eine neue Ebene mit einem Farbverlauf von einem hellen Gelb zu einem bläulichen Lila. Hierbei habe ich die Füllmethode Ineinanderkopieren verwendet. Um die im Raum herrschende Dunkelheit zu verstärken, habe ich schließlich mit einem schwarzen, weichen Pinsel, die Ränder auf der rechten Seite abgedunkelt.

Zwar ist somit das Ziel erreicht, die gewünschte Atmosphäre einzufangen, doch trotzdem fehlte das gewisse Etwas. Um dies zu erreichen, dachte ich mir, den Lichtschein mit einer sichtbaren Präsenz zu unterstreichen. Dies erreichte ich, indem ich per Polygon-Lasso-Werkzeug, von den Fenstern ausgehend, eine rautenförmige Auswahl erstellte und in diese einen Verlauf von weiß auf transparent anwendete. Diesen Vorgang wiederholte ich über mehrere Ebenen, für jedes einzelne Fenster. Um es ein wenig zu variieren, habe ich jeder Ebene eine andere Deckkraft gegeben.
Zusätzlich zum Lichtschein, habe ich Staub per Brush hinzugefügt, um es ein wenig schmutziger wirken zu lassen. Um diesen Effekt zu erreichen, habe ich einen runden, weichen Brush verwendet, der eine stark-eingestellte Streuung hatte.
Zu guter Letzt habe ich dem Protagonisten, der sich gerade eine Zigarette ansteckt (aber in Wahrheit Nichtraucher ist), eine kleine Flamme von einem Foto reinretuschiert und per Schein nach außen ein Leuchten verliehen.

Und dies ist der ganze Zauber hinter dem geheimnisvollen “Hard-Earned Cigarettes”…

Fazit

Der gesamte Prozess, der Weg vom zufälligen Entdecken eines Ortes bis hin zur Vollendung am PC, hat mir viel für mein Leben mitgegeben. Sowohl das Erlebnis, als auch das Lernen durch die Bearbeitung am PC, werden für mich unvergessen bleiben. Ich bin dankbar und stolz darauf, mit meinem Freund Billy dieses Werk erschaffen zu haben und bin immer noch dabei, solch einen Augenblick erneut erleben zu können. Aber ich glaube, das Gefühl werde ich in dieser Form nie wieder haben.

An dieser Stelle möchte ich mich in aller Form bei meinem Freund Billy bedanken. Auch wenn sich unsere Wege irgendwann trennen werden und wir uns nie wieder sehen, bin ich froh, dieses Momente mit ihm erlebt zu haben!

Und was ist aus der Keramikfabrik geworden? Nun, es steht, leicht dezimiert, immer noch, Gerüchten zufolge aufgrund von Denkmalschutz. Der Raum aber, indem Hard-Earned Cigarettes entstanden ist, existiert leider nicht mehr…

Professional Photography Lab